Bluthochdruck – 130/80 für alle?

27. März 2018

Prof. Dr. med. Wolfgang Schneider arbeitet als Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie am Medizinischen Versorgungszentrum des AGAPLESION Elisabethenstift in Darmstadt und informiert über die neuen Leitlinien zur Volkskrankheit "hoher Blutdruck".

 

Die Behandlung vieler Erkrankungen orientiert sich seit Jahren an sogenannten Leitlinien, die von den wissenschaftlichen Fachgesellschaften veröffentlicht werden. Für die  Volkskrankheit „Hoher Blutdruck“ definieren die deutschen Leitlinien derzeit obere Grenzen von 140 Millimeter Quecksilbersäule (mmHg) für den oberen oder „systolischen“ Wert und 90 mmHg für den unteren, oder „diastolischen“ Wert. Messwerte von 130 bis 139 und von 85 bis 89 mmHg werden dabei als „hoch-normal“ bezeichnet. Dies ist so zu verstehen, dass bei diesen Druckwerten erhöhte Aufmerksamkeit geboten ist und die Lebensführung angepasst werden sollte. Dies betrifft insbesondere Fragen des Übergewichtes, der körperlichen Bewegung/Sport, der gesunden Ernährung, der Beendigung von Rauchen und der guten Kontrolle einer eventuell vorhandenen Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus).


Für Unruhe unter Ärzten und Patienten hat die im Herbst 2017 veröffentliche amerikanische Leitlinie gesorgt: hier wird in Abänderung früherer Normalgrenzen bereits ab Werten von 130/80 mmHg von Bluthochdruck gesprochen. Aufgrund der geänderten Definitionen wurden in den USA somit auf einen Schlag 35 Millionen Menschen neu zu Hochdruckpatienten erklärt.


Wenn auch unter den Fachgesellschaften diesseits und jenseits des Atlantiks Einigkeit darüber besteht, dass das Risiko, im Laufe des Lebens an einem Schlaganfall, einem Herzinfarkt, einer Herzmuskelschwäche oder an Durchblutungsstörungen zu erkranken, bereits ab Blutdruckwerten oberhalb von 115/75 mmHg zu steigen beginnt, ist in Europa eine große Zurückhaltung zu spüren, die US-Leitlinien eins zu eins zu übernehmen. Die wichtigsten Gründe hierfür sind folgende:
Eine zu strenge Absenkung der aktuell gültigen Normalwerte würde viele Menschen, die bisher nicht als hochdruckkrank eingestuft wurden, verunsichern und somit durch psychische Faktoren eher zu einer weiteren Blutdrucksteigerung beitragen. Die in Deutschland gebräuchliche besondere Berücksichtigung von Blutdruckwerten zwischen 130 bis 139 beziehungsweise von 85 bis 90 mmHg („hoch-normal“) weist bereits jetzt darauf hin, dass in diesen Fällen Korrekturen am Lebensstil geboten sind und im Einzelfall auch schon eine medikamentöse Behandlung eingeleitet werden sollte.


Eine zu starke Absenkung des Blutdruckes kann im Übrigen auch schädlich sein, insbesondere für Patienten mit Nierenerkrankungen und ältere Patienten. Letztere reagieren auf eine zu starke Blutdruckabsenkung ungünstig, zum Beispiel mit einem Kreislaufkollaps oder Gangunsicherheit. Insofern sollte die neue US-amerikanische Leitlinie eher dazu ermahnen, dem Blutdruck generell eine stärkere Beachtung zu schenken. Dies könnte beispielsweise bedeuten, diesen mittels Selbstmessungen (wichtig: im Sitzen und nach fünfminütiger Ruhephase) regelmäßig zu bestimmen und die Messwerte aufzuschreiben oder noch besser, einmal eine 24-Stunden-Messung (ambulantes Blutdruck-Monitoring) durchzuführen. Messungen in der Arztpraxis durch medizinisches Personal sind generell als wenig aussagefähig einzustufen („Weißkitteleffekt“). Bei älteren oder kreislauflabilen Patienten sollte auch eine Messung im Stehen erfolgen, um unerwünschten Blutdruckabfällen unter der Behandlung vorzubeugen.


Eine frühzeitige medikamentöse Behandlung ist vor allem dann angezeigt, wenn bereits Herz-oder Gefäßschäden oder ein hohes Risiko vorliegen. Dies ist beispielsweise bei familiärer Belastung oder beim Vorliegen von zusätzlichen Risikofaktoren (Diabetes, Fettstoffwechselstörungen, Rauchen u.a.) der Fall.
Insgesamt haben unabhängig von Kontinenten und Fachgesellschaften alle Studien die Wichtigkeit des Bluthochdruckes für die Herz-und Gefäßgesundheit unterstrichen. Die Behandlung sollte aber individuell und überlegt erfolgen. Eine zu starke Blutdruckabsenkung sollte ebenso vermieden werden wie eine Nichtbeachtung dieses wichtigsten Risikofaktors. Gespannt sein darf man im Übrigen auf die Veröffentlichung der neuen deutschen bzw. europäischen Leitlinien, die für den Herbst dieses Jahres erwartet werden.